Gestalt

„Gestalt“ ist die Kurzform…gemeint ist eine innere Haltung zum Leben, die sich aus der Gestalttherapie entwickelt hat. Im Focus steht der Mensch in seiner Ganzheit und Individualität. Die Gestalttherapie stellt die stete Frage, wie der Mensch mit sich, den anderen Menschen und der Welt in Kontakt ist. Die Wie-Frage ist stets begleitet von der Frage nach der Gegenwart, der kraftvollsten Quelle für Veränderung und Entwicklung.

„Was immer existiert ist hier und jetzt“

sagte einmal Laura Perls, die gemeinsam mit Fritz Perls und Paul Goodman die Gestalttherapie/Gestaltarbeit begründete. Im Gewahrsein für das, was gerade ist,  entfaltet sich Sinn und Sein. Verliere ich das Hier und Jetzt aus dem Blick, klebe mit meinem Denken und meinen Gefühlen an Vergangenem oder Zukünftigem, sammeln sich in mir die verpassten Augenblicke der Gegenwart, lagern sich ungelebt in einer Art Seekiste für unerledigte Geschäfte ein.

Fritz Perls, drückte das so aus:

“Die Vergangenheit ist vorbei, und doch tragen wir im Jetzt unseres Seins vieles aus der Vergangenheit mit uns, doch nur soweit wir unerledigte Situationen haben. Was in der Vergangenheit geschah, wurde entweder assimiliert und zu einem Teil von uns, oder wir tragen es als unerledigte Situation, als unvollendete Gestalt mit uns herum” (1969)

Träume scheinen den gezielten Griff in die „ Seekiste“ offener oder auch “unvollendeter” Gestalten zu lieben:

„ … wie uralte Schiffe tauchen sie auf….aus versenkten Gründen der eigenen Existenz…spiegeln hinter verschlossenen Augen, was ohne Sprache ist… Träume nähern sich dem Menschen auf ungewöhnliche Art….mal wie ein kaum zu ertragender Alb, mal wie ein küssender Vorhang aus Seide …sie gebären Dämonen, Gerüche, Atmosphären….pulsieren durch den Körper… erzeugen Kälte und  Wärme… sie sind da…tags und nachts…“rufen den Menschen an“, wie Martin Buber sagt…mit der Sehnsucht ins Licht geborgen zu werden, befragen sie  den Träumer nach Sein und Sinn jenseits von Wissen…in archaischen und verrücktesten Bildern heben sie aus den Angeln, was gerade noch gültig war…lösen Raum und Zeit auf, um  auf eigenwilligen Pfaden  wachzurufen, was ins „Jetzt“  gelangen will…als zuverlässige  Botschafter des Unerledigten entwachsen sie der Dämmerung, der grauen Zone zwischen den Welten… Gewahrsein und Stille machen sie hörbar…dort entwickeln sie ihre Kraft …entwirren sich ins das Bewusstsein…tragen für einen berührenden Augenblick den Innenbericht des eigenen Selbst nach außen… Träume offenbaren Essenz…nähren sich aus der Tiefe allen Weltgeschehens wie aus dem leichten Flügelschlag eines Augenblicks…sie zu erfassen obliegt dem Träumer… an Frühstückstischen  und bei anderen Gelegenheiten ausgetauscht, treiben sie  den Menschen zu  gegenseitigem Forscherinteresse an… in der Sehnsucht nach Einssein, nach „ganz werden“ wird die Traumbüchse geöffnet…mitgeteilt schaffen Träume eine geheimnisvolle Intimität, eine verführerische Vertrautheit  von  Ich zu Du… als universales Geschenk liegen sie allzeit bereit… laden uns ein, schöpferisch zu sein…wir können sie hören lernen…wollen wir sie fassen, entschlüpfen sie…“

Februar 2016
in Dankbarkeit für meinen Gestaltlehrer Werner J. Arnet (1927 – 2016)
©  Barbara Strack